3-teiliger Kurs
„Die Trauma-Trinität: Diagnostik und Behandlung traumabezogener Dissoziation der Persönlichkeit - Eine enaktive Perspektive"


mit Ellert Nijenhuis

Einleitung:
Die Komplexität der  Diagnostik  und Behandlung  bei  chronisch traumatisierten Individuen kann Behandler überwältigen und verwirren und bei  der Behandlung  in  Sackgassen und zu problematischen Gegenübertragungsreaktionen führen.
In dieser Kursreihe wird die Komplexität der chronischen Traumatisierung aus Sicht der Theorie der Dissoziation der Persönlichkeit beschrieben.   Aus  dieser Theorie wurden  zahlreiche Ansätze und Leitlinien für die  Behandlung entwickelt. Die  Teilnehmer von  Workshops zur Dissoziation  der Persönlichkeit  berichten im Allgemeinen, dass  die Theorie ihnen dabei hilft, Menschen, die schweren Missbrauch und Vernachlässigung erlitten haben, besser zu verstehen und zu behandeln. Auch viele Klienten  berichten, wie die Theorie  ihnen dabei  hilft, ihre  Symptome und Probleme zu verstehen und anders damit umzugehen. Es zeigt sich, dass  in  komplexen und unübersichtlichen Situationen häufig nichts so praktisch ist wie eine gute Theorie.
Die  Theorie der Dissoziation besagt, dass  Traumatisierung aus einer Aufteilung der Persönlichkeit in zwei oder mehr Subsysteme oder „Anteile" im Bewusstsein besteht. Prototypisch richten manche dissoziative Anteile ihre Aktivität in erster Linie auf die Alltagsbewältigung und die Fortpflanzung (d.h. auf das Überleben der Art),  andere prototypische dissoziative Anteile auf  die Verteidigung der  körperlichen und psychischen Existenz gegen tatsächliche und/ oder vermeintliche Gefahren. Da diese Anteile  primär auf  traumatische Erinnerungen fixiert sind, reagieren sie häufig in Form tierähnlicher Verteidigungsreaktionen und/oder mit  Bindungsschrei (d.h.,  es geht ihnen um das  Überleben des Individuums).  Wieder andere  prototypische dissoziative Anteile bemühen sich, ein  Gefühl von  Selbstbestimmung zu erlangen und zu erhalten. Diese verschiedenen Bedürfnisse und Wünsche  sind Kernfunktionen evolutionär entstandener  Aktionssysteme, die  Bindung, Erkundung, Spiel und Verteidigung einschließen  und sich in mentalen und verhaltensbezogenen Handlungstendenzen zeigen. Dissoziation ist ein Kernmerkmal bei einem weiten Spektrum traumabezogener Störungen: akute Belastungsstörung, posttraumatische Belastungsstörung, komplexe posttraumatische Belastungsstörung, traumabezogene Konversionsstörung (DSM IV)/dissoziative Bewegungs- und Empfindungsstörung (ICD 10),  DDNOS (Dissociative disorder not otherwise specified) und dissoziative Identitätsstörung.

Alle dissoziativen Anteile der Persönlichkeit neigen  zu  gestörten  Bindungsmustern,  vor allem zu einem  Muster, das im Allgemeinen als desorganisierte Bindung bezeichnet wird. Desorganisierte Bindung  könnte aber  insgesamt als nicht so sehr desorganisiert verstanden  werden, da  sie erkennbare Wechsel zwischen mehreren Handlungstendenzen beinhaltet.  Eine Handlungstendenz sucht die Nähe zu  übergriffigen und abweisenden Bezugspersonen, um geliebt zu werden und Gefühle von Einsamkeit, Verlorensein und Zurückweisung zu  vermeiden. Eine andere Handlungsstendenz vermeidet diese Nähe, wenn es zu  einer Annäherung kommt, mit tierähnlichen Reaktionen wie Flucht, Einfrieren und Kampf. Die Überlebenden chronischer Traumatisierung suchen also Nähe und Annahme,  fürchten aber  Intimität und  (positive) Abhängigkeit.
Die Theorie der Dissoziation und das darauf basierende  Behandlungsmodell haben das Ziel, verschiedene Perspektive zusammenzuführen,  dazu gehören Janets Handlungspsychologie, Emotionstheorien, affektive Neurowissenschaften, Entwicklungspsychopathologie, Bindungstheorie, Lerntheorie, kognitive Theorie, Psychobiologie der Traumatisierung und sensorimotorische Psychotherapie. Ganz allgemein  basiert die Theorie auf Enaktivismus. Aus Sicht des Enaktivismus sind Organismen grundsätzlich  im Gehirn, im  Körper und der Umgebung verwurzelt . Sie  lassen sich daher  am  besten als Organismus-Umgebungssysteme verstehen. Diese Systeme machen Erfahrungen und entwickeln Annahmen über das eigene Selbst, über die Welt und über das Selbst als Teil dieser Welt.  Aus  dieser Sicht sind dissoziative Anteile Organismus-Umgebung-Subsysteme. Die integrative theoretische Orientierung führt zu  einem frei ausgestaltbaren  phasenorientierten Behandlungsmodell, das körperorientierte Interventionen einschließt.

Dozent:
Ellert Nijenhuis ist Psychologe, Psychotherapeut und Forscher. Er beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit der Diagnostik und Behandlung schwer traumatisierter Patienten, unterrichtet und schreibt viel zu den Themen traumaassoziierte Dissoziation und  dissoziative Störungen. Zuletzt veröffentlichte er die Bücher „Das verfolgte Selbst" mit O. v. d. Hart und K. Steele sowie „Die Trauma-Trias" Bd. I/II.  Er arbeitet mit mehreren europäischen Universitäten sowie der Klinik Littenheid (Schweiz) zusammen und erhielt mehrfach Auszeichnungen der International Society for the Study of Trauma and Dissociation, darunter eine für sein Gesamtwerk.
Weitere Informationen unter: 
http://www.enijenhuis.nl/

Literatur:
„Das verfolgte Selbst: Strukturelle Dissoziation und die Behandlung chronischer Traumatisierung"
von Onno van der Hart, Ellert R. S. Nijenhuis und Kathy Steele
„Die Trauma-Trias: Leugnung, Zerbrechlichkeit und Kontrolle: Die Entwicklung des Traumabegriffs / Theorie und Praxis traumabedingter Dissoziation"  von E. Nijenhuis


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