Psychotraumatologie

Den Kern einer traumatischen Belastung
bildet die überwältigende Erfahrung des Versagens der individuellen Schutz- und Handlungskompetenzen angesichts einer als existentiell erlebten Bedrohung. Kann diese Erfahrung nicht adäquat verarbeitet und integriert werden kommt es bei den Betroffenen zu einer existentiellen „Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses" (siehe Definition der psychischen Traumatisierung von Riedesser/Fischer 1998/2009) und anhaltenden Stress- und Alarmreaktion. Insbesondere kommt es zu einer tiefen Verunsicherung  bezüglich
   - des eigenen Wertes, der eigenen Handlungsfähigkeit und der eigenen Sicherheit,
   - der Verlässlichkeit von Beziehungen sowie
   - der Kontrollierbarkeit und Vorhersagbarkeit „der Welt".
Typische psychische Beschwerden sind Angst und Spannung, intrusive und dissoziative Symptome sowie  eine erhöhte Stressanfälligkeit und Reaktionsbereitschaft.  Korrelierend dazu konnte die moderne Hirnforschung spezifische strukturelle und funktionelle Gehirnveränderungen nachweisen.

Der seelische Verarbeitungsprozess nach einer traumatisierenden Erfahrung lässt sich in einem Verlaufsmodell beschreiben (s. Riedesser/Fischer 1998/2009). Im Verlaufe eines „gelungenen" seelischen Bewältigungsprozesses wird traumatisierende Erfahrung als Teil der Erinnerung integriert, als etwas, „das war".  Belastende innere und äußere Faktoren sowie Art und Ausmaß der traumatisierenden Erfahrung können den Verarbeitungsprozess stören, so dass er nicht zum Abschluss kommt, sondern sich als „Traumatischer Prozess" fortsetzt. Von besonderer Bedeutung für das Gelingen des Verarbeitungsprozesses ist  eine gute soziale Unterstützung. 

Insgesamt lassen sich die posttraumatische Belastungsstörung (PTSD, f 43.1 n. ICD 10) und andere Traumafolgestörungen als Ausdruck eines  nicht zum Abschluss kommenden Verarbeitungsprozesses mit einer anhaltenden „Alarmreaktion" verstehen.  Die klinische Symptomatik ist geprägt durch

  • die Persistenz abgespaltener und fragmentierter Anteile der Traumaerinnerung, die durch innere oder äußere Auslöser   (Trigger) aktiviert werden können (z. B. als Flashback und Dissoziation) und
  • auf Traumabewältigung und Angstabwehr  gerichtete „traumakompensatorische" (Fischer/Riedesser 1998/2009) psychische Prozesse wie  Spaltung, Dissoziation, Somatisierung und neurobiologische und physiologische Reaktionen.

Spaltung und Dissoziation gehören offenbar zu den  zentralen Bewältigungsmechanismen traumatischer Erfahrung. Sie lassen sich als „Schutz"-Reaktionen angesichts einer auch auf neurobiologischer Ebene nachweisbaren Überflutung durch  belastende Reize und Affekte  verstehen.

Es können in der Folge vielfältige seelische und körperliche Symptome auftreten, häufig mit einer längeren Latenz nach den traumatisierenden Ereignissen. Je früher, anhaltender und belastender traumatisierende Erfahrungen stattfanden, desto schwerwiegender können die Folgen sein.  Es wird daher zwischen „einfachen" Traumafolgestörungen (Typ 1, einmaliges traumatisches Ereignis, PTSD n. ICD 10 F43.1) und „komplexen" Traumafolgestörungen (durch wiederholte und/oder anhaltende Traumatisierungen, Typ 2, z. B. DESNOS) unterschieden. Typ 1 und Typ 2 - Traumatisierungen sind  durch unterschiedliche Verläufe gekennzeichnet sind und erfordernunterschiedliche therapeutische Vorgehensweisen. Die neuere Forschung zeigt, daß im Gefolge früher Traumatisierung Borderline-Persönlichkeitsstörungen, dissoziative Störungen, somatoforme Störungen und Eßstörungen auftreten können.

Unter ressourcenorientierten Gesichtspunkten können die Symptome der Traumafolgestörungen als Ausdruck des fortgesetzten seelischen Bemühens, die tiefe seelische Verletzung zu heilen, verstanden und in der Therapie unter bestimmten Bedingungen als „Ressourcen" genutzt werden. Dies geschieht z. B. in der Arbeit mit „inneren Anteilen" oder „Ego-States".

Traumatherapie

hat die (Wieder-)herstellung des Gefühls der inneren „Sicherheit" und die Integration der traumatischen Erfahrung zum Ziel. Nach Janet werden 3 Phasen unterschieden: Stabilisierung, Traumabearbeitung und Trauer/Neuorientierung. Bei singulären Traumen folgt die Therapie in der Regel diesem Ablauf, bei komplex traumatisierten Patienten wird  flexibler, meist im Wechsel stabilisierend und kleinschrittig traumakonfrontierend, gearbeitet.

Stabilisierung: Basis der beratenden und therapeutischen Arbeit mit Traumatisierten ist „Stabilisierung" der Klienten. Sie beinhaltet die Herstellung äußerer Sicherheit, die (Wieder-)Erlangung der Fähigkeit, belastende Affekte und Erinnerungen zu steuern und zu begrenzen sowie Sicherheit in der therapeutischen Beziehung.  Dies gilt insbesondere für KlientInnen mit komplexen Traumafolgestörungen und dissoziativen Störungen.

Ressourcenorientiertes Vorgehen: Bereits bestehende Bewältigungsprozesse und  -mechanismen werden gewürdigt und als Ressourcen genutzt, z. B. als „kontrollierte" Spaltung und Dissoziation in der Arbeit mit Imaginationen und der Arbeit mit „inneren Anteilen" in PITT (Psychodynamisch-Imaginative Psychotherapie n. Reddemann), der Ego-State-Therapie oder der Behandlung von schweren dissoziativen Störungen nach dem Konzept der „Strukturellen Dissoziation" (Nijenhuis/v. d. Hart).

Traumabearbeitung setzt eine ausreichende Stabilisierung voraus. Eine Indikation besteht insbesondere bei singulären Traumatisierungen und  Akuttraumatisierung ohne seelische Vorerkrankung (Typ 1 - Trauma). Hier sollte die Behandlung möglichst rasch nach dem Ereignis beginnen um die Entwicklung einer PTBS und eine Chronifizierung zu verhindern. Bei komplex traumatisierten Klienten erfordert Traumabearbeitung eine sorgfältige Indikationsstellung und stabilisierende Vorbereitung. Traumabearbeitung ist in der Regel sinnvoll, wenn trotz guter Stabilisierung weiter relevante Symptome persistieren.

Verfahren der Traumabearbeitung: Traumabearbeitung sollte unter geschützten Bedingungen erfolgen, um Retraumatisierungen zu vermeiden.  Erprobte Verfahren sind z. B. EMDR , traumafokussierte Verhaltenstherapie und psychodynamische Verfahren, z. B. die Psychodynamisch-Imaginative Traumatherapie PITT.

Trauer und Neuorientierung: Im letzten Teil der Therapie stehen Trauer über das Geschehene und Verlorene sowie die Umsetzung der Erfahrungen und Neuorientierungen, die im Therapieprozess gewachsen sind,  im Mittelpunkt.
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